Das INTED-Projekt in Santiago de Chile
Die kurz vor der Fertigstellung befindliche Einrichtung "El Pequeño Koppel" ("Der Kleine Koppel") soll nach Fertigstellung mit einem der KoppelKinder-Konzeption ähnlichen pädagogischen Konzept arbeiten.
Etwas Neues für Chile
Mit diesem Vorhaben betreten die InitiatorInnen in Chile Neuland. Denn insbesondere der Ansatz der Integrationsarbeit, d.h. der gemeinsamen Betreuung von behinderten und nichtbehinderten Kindern, ist hier kaum in die Praxis umgesetzt. Es fehlt sowohl an entsprechend ausgebildetem Personal, als auch an speziell für behinderte Kinder ausgestatteten Einrichtungen.
Die in der gemeinnützigen Organisation "Integración Educativa INTED" zusammengeschlossenen PädagogInnen, VorschullehrerInnen und SozialarbeiterInnen haben alle langjährige Erfahrungen in der pädagogischen Arbeit. Darüber hinaus sind sie seit langem im Sozialsektor aktiv und ihre individuelle Geschichte ist von den Erfahrungen während der Zeit der Militärdiktatur und des Widerstandes geprägt.
Im armen Norden Santiago de Chiles
Der Integrationskindergarten entsteht in Lampa, im Norden Santiagos. Hier leben viele ärmere Familien und alleinerziehende Mütter. Gerade für sie gibt es ein ungenügendes und häufig zu teures Kindertagesbetreuungsangebot.
In Chile sind die meisten der erwerbstätigen Frauen als Arbeiterinnen oder Angestellte (ca. 64%), sowie als Hausangestellte (13%) tätig. Wie überall auf der Welt sind sie damit in Sektoren tätig, die zu den schlechter bezahlten gehören. Das durchschnittliche Einkommen der Frauen entspricht 73% des Einkommens der Männer. In dem Stadtgebiet, in dem der Integrationskindergarten entstehen soll, wird somit gerade für jüngere (alleinerziehende) Frauen die Chance eröffnet die eigene Ausbildung und/oder Erwerbstätigkeit voranzubringen, ohne dass die eigenen Kinder darunter zu leiden haben.
Eine Kita auch für behinderte Kinder
Nach Schätzungen der World Health Organisation (WHO) gibt es in Chile ungefähr eine halbe Million Menschen mit Behinderungen (ca. 5%). Genaue Zahlen existieren nicht. Allerdings ist es angesichts des mangelhaften Sozialsystems faktisch so, dass gerade Eltern mit behinderten Kindern in einer harten, d.h. auch finanziell prekären, Situation leben. Häufig können weder das Geld für die notwendigen Medikamente oder Therapien, noch für teure Pflegeeinrichtungen aufgebracht werden.
In Chile gibt es seit 1998 ein Gesetz, dass die Integration behinderter Menschen fördern und gerade im Bildungsbereich vorantreiben soll. Die vorschulische Förderung, die für die Entwicklung und Ausprägung der verschiedensten körperlichen, emotionalen, kognitiven und sozialen Kompetenzen von zentraler Bedeutung ist, ist nach diesem Gesetz nicht vorgesehen und findet in der Praxis auch kaum statt. Die Verfassung garantiert zwar ein Recht auf Bildung, aber weder Schulen noch Kindergärten können zur Aufnahme von behinderten Kindern gezwungen werden! Auch sind die Einrichtungen und Schulen materiell schlecht und für die Arbeit mit behinderten Kindern gar nicht adäquat ausgestattet. Es fehlt darüber hinaus an speziell ausgebildetem Fachpersonal und guten pädagogischen Arbeitsansätzen bzw. -inhalten. Behinderten Kindern wird so systematisch eine gute Entwicklungsperspektive verwehrt.
Zur Arbeit mit den Kindern
"Für unsere pädagogische Arbeit sind die Wünsche und Bedürfnisse (der Kinder) der Ausgangs- und Orientierungspunkt." (Aus dem Vorstellungspapier von INTED)
Die pädagogischen Vorstellungen der KollegInnen in Chile für ihr Projekt orientieren sich an denen, die über Jahre bei den KoppelKindern entwickelt und in die Praxis umgesetzt worden sind. Dies gilt insbesondere für den Ansatz der altersgemischten Integrationsarbeit. Das Konzept soll aber natürlich nicht starr übernommen werden.

Im inhaltlichen Konzept der Initiative wird daher auch die Einzigartigkeit jedes Kindes, seiner Erfahrungen, sowie seines Entwicklungs- und Bildungsprozesses betont. Die behinderten Kinder sollen bei diesen Prozessen besonders unterstützt und in ihrer Entwicklung gezielt gefördert werden. Die Kinder sollen soziale Kompetenzen und Verhaltensweisen, ihre Gefühle erkennen und ausdrücken, sowie einen sinnvollen Umgang damit lernen. Auch eine ungezwungene Einstellung zu ihrem Körper und zu ihrer Sexualität sollen sie in der Einrichtung entwickeln können.
Unterstützung auch für die Eltern
Des Weiteren haben sich die Initiatoren vorgenommen auch eine intensive Elternarbeit in der Einrichtung zu betreiben. Es sollen – neben den regelmäßigen Elterntreffen – auch Bildungsveranstaltungen und Workshops zu Themen angeboten werden, die die Eltern bei ihren Bemühungen in der Erziehung der Kinder weiter bringen können. Denn häufig kommen die Eltern aus sozialen Verhältnissen (Arbeitslosigkeit, alleinerziehend, Drogenprobleme, keinen Schul- oder Ausbildungsabschluss), die eine gute Betreuung und Erziehung ihrer Kinder sehr erschweren. Für die Eltern behinderter Kinder ist die Situation noch schwieriger und der Informations- und Unterstützungsbedarf enorm.
Das Projekt könnte somit, wenn es erfolgreich initiiert und in die Praxis umgesetzt wird, nicht nur vielen chilenischen Kindern und deren Eltern bessere Entwicklungs- und Partizipationschancen eröffnen, sondern auch eine Vorbildfunktion für ähnliche Einrichtungen im ganzen Land haben.

